Fraukjas Schreibheft

Um das Lebendige kümmert man sich, damit es weiterlebt. Um alles andere kümmert man sich, damit es nicht lebendig wird…

Himmel_klein

Im Blick behalten, wer ich bin und wer ich sein will. Das bedeutet: weg vom Kriegsschauplatz des Zwischenmenschlichen, weg von den Ideen der Bedürftigkeit und der Sucht nach Bestätigung durch andere.

Manche Träume sind sehr hartnäckig und lassen sich einfach nicht abschütteln, sosehr man sich auch der „echten“ Realität zuzuwenden versucht, indem man einer mehr oder weniger bodenständigen Arbeit nachgeht, eine Familie gründet, ein Haus baut oder was einem sonst noch so an Traumfluchtmöglichkeiten einfällt. Nach einigen Versuchen und Fehlversuchen habe ich einem dieser vehementen, unter der Oberfläche ständig rumorenden, heimlichen Identitätsstifter nun eine Nische im www geschaffen… vielleicht gefällt er ja dem einen oder anderen….:

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www.fraukja.de

(An manchen Stellen vielleicht noch etwas holprig, dafür aber durch und durch selbstgemacht…)

 

Der Schmerz kommt aus dem Boden. Tief unter den Fußsohlen sammelt er sich, schießt nach oben und durchdringt so unsichtbar wie scharfkantig die Epithelzellen, verhakt sich in Afferenzen und Venen, streckt sich, dehnt sich. Fließt, langsamer jetzt, nach oben. Durchdringt die Eingeweide, das Herz, das Cerebellum, bis er schließlich den Mandelkern erreicht, wo er ausruht, Kraft schöpft. Wo er bleibt. Ich fühle ihn, er saugt an meinem Konzentrationsvermögen, meinem Gedächtnis und meinen Erinnerungen. Nachts lässt er mich von meiner Kindheit träumen, sperrt mich für Stunden in Albträume ein, aus denen es auch nach dem Erwachen lange Zeit kein Entrinnen gibt. Der Schmerz katapultiert mich in so etwas wie einen prädementen Zustand, und ich bekomme Angst vor dem Näherkriechen eines Alters, das mit jenen überaus realen Reminiszenzen in der Kindheit verankert ist, die auch die nächtlichen Träume nähren, in den Schmerzen des Kindes, das keinen Ausweg weiß und als einzige Hoffnung das Älterwerden hat, eine Hoffnung, die mit dem Älterwerden stirbt.

Ich erinnere mich an vieles – und besonders an einen Vorfall danach, der den gestrigen Traum bestimmte. An eine Freundschaft, unbeschwert und noch kurz, aber von echter Zuneigung getragen, mit 12 oder 13 Jahren, die erdolcht wurde von der damals noch so jungen Ausweglosigkeit, weil eine Grenze, zutiefst harmlos im Grunde, überschritten wurde. Im Zentrum der Auseinandersetzung stand der banalste aller Alltagsgegenstände, dessen Bedeutung für mein damaliges Kinder-Ich von ungekannter Riesenhaftigkeit war, die sich erst dann in einem Ausbruch von Wut und Aggressionen offenbarte, als er mir, in kindlich-unbedachter Naivität, weggenommen wurde. Ich weiß noch, welche Angst ich spürte; wie körperlich real diese Grenze für mich war; wie ich mich schon im Vorfeld wehrte, es deutlich zu machen versuchte, wie wichtig mir der permanente Besitz dieses einen, dummen Dinges ist. Dann die Wut und die Enttäuschung und das gleichzeitige Wissen, dass meine ausagierende Reaktion niemand verstehen kann.

Jetzt, da ich mich daran erinnere, empfinde ich wieder die Trauer des Verlusts, sie reiht sich ein in den allgemeinen Zustand des limbischen Systems, des Herzens, des Körpers, und ich gehe jetzt nach draußen, in den Herbst mit seinen rotgrauen Farben, und warte auf das Vergessen.

Zwei Wochen mit der Pflege meines kranken Kindes und dem Haushalt verbracht. Ich liebe mein Kind. Den Haushalt nicht. Schon nach wenigen Tagen hat mich das geistige Nichtstun in eine tiefe Niedergeschlagenheit gezogen. Und das trotz der Aussicht auf eine Änderung zum Besseren. Wie muss man sich erst fühlen, wenn man monatelang ausharren muss, zum Nichtstun verdammt, wartend, nicht wissend, was kommen wird.

Lass die Analyse. Sie ist eine Mauer, deren Mörtel das Nachdenken ist. Sie wird nur höher und höher. Sie trennt dich von deinem Ziel. Es ist, wie es ist. Handle, als wärest du bereits auf der anderen Seite.

(Eine Idee, der ich schon in verschiedenen Formen begegnet bin. Ich habe sie immer wieder vergessen.)

Wie lange fehlte mir der Schlüssel zum Verständnis dessen, was geschah und nicht hätte geschehen dürfen. Ich habe ihn gefunden; er lag zwischen den Seiten eines Buchs, das jahrelang ungelesen im Bücherregal stand. Jetzt halte ich diesen Schlüssel in der Hand. Er öffnet Türen, die zu vergessenen Notizen wie dieser hier führen:

Das Schlimmste an dieser Zeit in den Hallen der Wissenschaft ist der Missbrauch des Wortes. Die Willkür, mit der es verwendet wird, um da zu lügen, wo eigentlich Wahrheit sein sollte. Im Dienste des Willens zur Macht.

Hinter anderen Türen liegen andere Zettel wie Eintrittskarten in Erinnerungslandschaften, die ich lieber nicht betreten will.

Es waren die Jahre der Gesetzmäßigkeit der Liebe zur Regel des ewig Gleichen. Die Jahre des Rädchens im Getriebe, im fremden Getriebe.