Fraukjas Schreibheft

Meine Träume drehen sich

Meine Träume drehen sich, gleiten dahin in Spiralen verwaschener Gedanken, ohne Anfang, absichtslos. Wusstest du, dass Spiralen nicht schwingen können? Der Fuchs hat’s mir erzählt auf der Birkenbank. Wenn meine Träume nur Saiten wären

vielleicht würdest du sie hören

2012

nebelaufgang3-1_klein

Heute morgen: selten einen so vollkommenen, so schwarzweißen Sonnenaufgang gesehen. Minutenlang veränderte sich nichts. Dann schien es mir, als veränderte ich die Welt, indem ich einen Schritt zur Seite ging und die Strahlen der Sonne plötzlich anders durch den Nadelwald am Horizont fielen.

[…]

An manchen Tagen bedauere ich nichts. Dann lief das Leben im Rückblick Schlangenlinien und ich lief mit, so gut ich eben konnte. An anderen Tagen bereue ich einst genommene Abzweige zutiefst, betrauere die ungelebten Möglichkeiten und das ungeliebte Leben des Moments. Ich trauere, obgleich ich ohne Zweifel weiß, dass es nichts Sinnloseres gibt, als dem eigenen Leben seine Sinnlosigkeit durch solche stimmungsgetragenen Gedankenzerwürfnisse selbst einzuschreiben. Gebe ich damit nicht der stets wiederkehrenden, niederschlagenden Idee der ungelebten Möglichkeiten nur neuen Stoff dafür, mir das verwirkte Ideal eines sinnvollen Lebens zu Füßen zu werfen? Und ich suche, aber finde keinen Ausweg. Was bleibt mir übrig als zu warten, dass die Schlangen wiederkehren und mir ihre Linien vorzeichnen, in deren mäandrierenden Gefällen diese inneren Zeilen weggespült und diese jetzt so unbesiegbaren Zweifel zu Sand im Flussbett werden —

[…]

Die äußere Luft kalt und stechend, von andeutungsweisem Blau. Innen gibt es weder Verfärbungen noch Andeutungen. Draußen kristallisiert sich dieselbe Luft an den Objekten, die mit ihr in Berührung kommen. Ein ästhetischer Schutz vor den Dingen der Welt, der schmerzt, wenn man ihn berührt.

Als ich mich wieder einmal schlaflos hin- und herwälzte, auf Ruhe hoffend und doch innerlich viel zu wild und verworren, um diese Hoffnung wahr werden zu lassen, verstand ich plötzlich, was vor einigen Jahren passiert war. Verstand die Entstehung von etwas, das sich noch immer wie ein schwarzes Loch in Körper und Seele anfühlt. Das sich mehr und mehr ausgebreitet hatte, das ich nicht einzudämmen vermochte. Diese Entstehung und Ausbreitung der Leere und des tiefen Zynismus, der sich in ihr als einziges, trauriges Element entwickelte, war nicht nur die Enttäuschung einer verlorenen Liebesbeziehung, was bisher meine einzige, aber falsche Erklärung war. Diese Erklärung war offensichtlich falsch, weil die Wucht und Bodenlosigkeit des Empfindens niemals diese Ausmaße angenommen hätte, wenn es sich „nur“ um den Verlust einer sowieso unmöglichen Beziehung gehandelt hätte. Es war weit mehr als das, es untergrub mein ureigenes Selbstverständnis als Person und verletzte meinen bis dahin unverbrüchlichen Glauben an so etwas wie „subjektive Wahrheit“. Ich meine damit die Selbstverständlichkeit des Versuchs, die Dinge wahrheitsgemäß so auszudrücken, wie ich sie verstehe, empfinde, erkläre, herleite usw… dass das ausgesprochene und hingeschriebene Wort mehr oder weniger meinen inneren Vorstellungen folgen darf, die auch falsch sein oder sich ändern können… die Übereinstimmung zwischen Denken und Sprechen, Schreiben, Handeln. Ich glaube, ein guter Begriff dafür ist Integrität.

img_20161129_073233_kindlephoto-114998034

Es ist schon lange her. Das Kind, das es einmal gab, hatte eine Mitwisserin: Sie war zwar unsichtbar, aber groß und allwissend. Sie kannte alle Gedanken, Gefühle und Absichten, und sie würde sie früher oder später offenbaren; und das war keine Bedrohung, sondern eine große Erleichterung für das Kind, denn dann, so dachte es, würde die ganze Welt verstehen, dass es nicht verschroben oder böse oder merkwürdig war, sondern verständlich und in Übereinstimmung mit allem handelte, was schön und gut war, auch wenn man das in dem Moment, in dem es passierte, vielleicht nicht sofort sehen konnte. Diese Mitwisserin hieß Wahrheit.

Das Gute, das Schöne und das Wahre. Wann war das nur, dass mir diese genommen wurden und ersetzt durch die drei Heuchler des Sozialen, Subjektiven und Relativen? Aus Bedeutung wurde Belanglosgkeit, aus Leben Regression.

Wiedergefunden

brillenfrau_kl

In letzter Zeit spüre ich Hass in mir aufsteigen.

Ich habe mich immer für einen Menschen gehalten, der nicht hassen kann, nicht wirklich wütend sein kann, und habe dies immer (auch) als einen Mangel erlebt. Wenn Unrecht geschieht, dann wäre Wut doch angebracht, dachte ich, denn sie bringt die wütende Person dazu, die Veränderung der ungerechten Dinge in Angriff zu nehmen. Aber ich war nie wütend. Eher erduldend. Erklärend. Auf Ursachensuche, und zwar sofort, ohne den Umweg über exponierende Gefühle. Und damit auch ohne wirklichen Willen zur Veränderung: Meine Erklärung erklärte ja meistens alles sehr schön, die Lage erschien logisch schlüssig, ich gab mich damit zufrieden. Nun, die Wut habe ich inzwischen kennengelernt, auch wenn ich bezweifle, dass ich sie bereits irgendwie produktiv eingesetzt habe. Die Wut habe ich kennengelernt – und mit ihr den Hass.

Mit ihm verhält es sich anders. Ich habe dieses Gefühl, Hass, immer für rein destruktiv gehalten, habe nie verstanden, wie man solch eine Emotion überhaupt zulassen, geschweige denn, sich ihr hingeben kann. Habe Menschen verachtet, die genau dies tun. Dieses mit Verachtung gepaarte Unverständnis bildete eine innere Barriere der Selbstzensur, ihn zu leugnen und zu verkennen. Das hat lange funktioniert, doch inzwischen komme ich nicht mehr umhin, die Existenz des Hasses in mir zu leugnen. Zu stark, zu extrem, entstanden aus Angst und Verachtung gleichermaßen: Verachtung des Anderen, den ich doch eigentlich liebe, und Verachtung des Selbst, weil ich die Angst zulasse und mich entsprechend verhalte: ängstlich, klein, voller Selbstmitleid. Auf die inneren, an den Anderen gerichteten Frage: Wie kannst du dich mir gegenüber nur so verhalten, dass ich Angst vor dir  bekomme? – folgt die innere Antwort: Du respektierst mich nicht. Siehst mich nicht als Person, erkennst mich nicht. Empfindest nicht das, was ich für dich empfinde. Stellst das eigene Wohlergehen über alles andere. Die aus diesen Antworten resultierende Verletzung paart sich mit dem Gefühl der Unausweichlichkeit: Ich bin an dich gefesselt (ein Gedanke, der zwar falsch sein mag, aber sehr mächtig ist.) Die einfache, sich ergebende Formel scheint zu sein: Abhängigkeit + Angst + Enttäuschung = Hass.

Four faces expressing (clockwise from top left); hatred or j Wellcome V0009403

Das ist, bisher jedenfalls, eine sehr traurige Bilanz. Aber es ist noch etwas geschehen. Denn das Klarwerden, das Bewusstwerden dieses Hasses hat mich zwar tiefgehend und in fast existenzieller Weise erschreckt, aber plötzlich hatte ich ein Wort für die inneren Stürme, die sich wieder und wieder, inzwischen auch bei den kleinsten Anlässen, gegen den Anderen richteten. Das Erkennen und die innere Überzeugung, dass das Gefühl im Grunde unproduktiv und verachtenswert ist, ließ es kleiner werden und fast verschwinden. Ich bemerke es und übe mich in Selbstbeherrschung. Klappt nicht immer. Aber manchmal eben doch. Und dann ist es gar nicht mehr so eindeutig, ob da wirklich keine Liebe, kein Erkennen und kein Respekt ist. Vielleicht ist da auch vielmehr Überforderung, Enttäuschung, Zweifel. Berechtigte Gefühle in der Situation, in der wir uns gerade befinden. Es ist schwierig, das alles.

Um das Lebendige kümmert man sich, damit es weiterlebt. Um alles andere kümmert man sich, damit es nicht lebendig wird…